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Kilometerstand: 559

Die Alltags-wurzeln wachsen schnell und binden mich an die Gemütlichkeit von Boulder. Es ist also etwas heldenhaftes als ich mich eines morgens endlich entschließe den Rucksack wieder zu packen und mich an die Interstate 70 nach Westen zu stellen.

Wohin soll es gehen? Was soll ich dort machen? Es gibt zu viele Ideen und zu wenig Entschluss, genau das richtige um zu hitchhiken. 


Ha, ist die erste Person die in der brütenden Sonne für mich anhält. Sie fährt einen alten Pickup und gestaltet das Interior Design in und um Boulder. Sie war in Paris um französisch zu lernen und so tauschen wir ein paar Worte aus. Patrick ist die glorreiche Nummer zwei dieses Tages. Stellt man sich Kevin Costner als professionellen Pferdepflüsterer mit digital verschönerten Smaragd-Blauen Augen vor, so ergibt sich das Bild der Person die mich weiter den Highway fährt. Sein Rat ist es nach der Tiefe der Dinge Ausschau zu halten. An einer der wohl seltenst-befahrenen Auffahrten zur Autobahn lässt er mich raus.

Ich stehe eine Stunde im nirgendwo die einzige Person konstant um mich herum, ist ein verwirrt herumfahrender motorisierter Straßenfeger. Diedre taucht auf. Sie fährt einen drei mal so langen SUV wie ich ihn je in Europa gesehen habe. Ihre vier Hunde sind glücklich über die Gesellschaft und so reisen wir bis spät in die Nacht durch die Rocky Mountains. Verwirrt strande ich nachts in UTAH, dem nächsten Bundesstaat. Ich überquere den großen Colorado River, der mich bis nach Las Vegas begleiten wird. Endlich finde ich eine Bureau of Landmanagement Stelle an der ich legal Campen darf. Da man oft mit Polizisten in große Schwierigkeiten kommt und auf fremden Grundstücken (auch ein Wald ist da keine Ausnahme) erschossen werden kann, freue ich mich. Der zweite Tag der Reise dauert ewig an, nachdem ich eine Stunde in Fruita warte nimmt mich Krista mit. Sie ruft ihren Freund an: „Hey Schatz, ich wollte dir nur sagen, dass ich einen Hitchhiker mitgenommen habe. Er sieht ziemlich harmlos aus und kommt aus Deutschland, aber wenn ich in einer Stunde nicht anrufe, weißt du dass er mich umgebracht hat.“ Krista ist echt cool, neben ihrem Job und ihrer Rolle als Mutter fährt sie gerne mit ihrem Mountainbike abenteuerlustig durch die Wüste. 



An einer Kreuzung mitten im Nirgendwo möchte ich ein Beweisfoto von meinem naiven Entdecker-Auftreten machen, doch obwohl ich nicht den Daumen draußen habe, hält Dan an. Dan trägt ein echt verrücktes Hemd mit Angeln und Fischen und er hat einen wuschligen Bart. Sein Auto ist vollkommen zugemüllt mit wertvollem Angel- und Limnologie-Equipment (Limnologie ist die Biologie von Fließgewässern). Zu seinen Hauptkunden gehört der Staat. Nicht nur dass, nein er kann seinen Traumjob mit seinem Hobby dem Angeln perfekt verbinden. Natürlich weiß er so einiges über die Deutsche Sprache, nachdem er jahrelang als Student das einzige Flüsse-Fachwissen aus Deutschland ins Englische übersetzen musste. Ich steige mitten in Moab, Utah aus. Schon viele haben mich hierhin gewiesen, in dieses winzige Städtchen welches die großen Wüsten-National-Parks und Abenteuersucht in Form von Skydiving, Waterrafting und Motorradfahren vereint. Ich strecke den Daumen raus, denn noch ist Zeit nach Arches National Park zu kommen. Ein kleiner roter Smart fährt an mir vorbei und ich habe ein gutes Bauchgefühl. 5 Minuten später kommen Mary und Allan zurück zu mir. Sie sind wahrscheinlich die nettesten Menschen die ich auf der Reise treffe. Sie fahren mich zum Eingang des Parks und schleusen mich umsonst mit ihren Senioren Ausweisen herein. Allan ist enthusiastisch dabei mir die Backpacking Genehmigung zu beschaffen und die beiden fahren mich bis zum Anfang des Wanderweges. Ein Abschieds-Gebet im Mini-Fahrzeug mit dem die beiden mir alles Gute wünschen und schon habe ich den Rucksack auf und ziehe in den Devil’s Garden. 



Bald wird die Sonne untergehen und der Weg zum Dark Angel, einem Fallus-Fels bei dem ich übernachten werde, ist lang. Der Rucksack ist mächtig schwer und mit der Kamera in der Hand jogge ich durch die beeindruckende Szenerie. 



 

Das Licht der untergehenden Sonne schmiegt sich an die roten Felsen und ich muss oft stehen bleiben zum staunen. Verschwitzt und die Zeit im Auge klettere ich über hohe Felsflanken und erreiche schließlich Dark Angel. 

 

Der Fels springt wirklich aus dem Bild der Umgebung. Entfernt, allein steht er in die Höhe ragend über einer weiten Steppe und bildet das Ende des Garten des Teufels. 

 

Kilometer weit von allen Menschen entfernt, baue ich mein Lager für die Nacht - auf einem nackten Felsen, wie es die Vorschriften fordern – auf. Hastig schlinge ich die Brotzeit hinunter bevor der letzte Lichtstrahl alles in tiefe Dunkelheit hüllt. 

 

Habe ich Angst in dieser menschenleeren Gegend mit Skorpionen, Schwarzen Witwen und Berglöwen? Und wie! Ich markiere meinen Schlafplatz mit meinem Urin, der leider Riesenameisen anlockt und die Wüstenmäuse die um meinen Schlafsack huschen, nicht beeindruckt. Abdrücke von Berglöwen finden sich direkt neben meinem Schlafplatz. Die Sterne sind beeindruckend, ich liege Stunden wach und beobachte friedlich die Sternschnuppen. Nassgeschwitzt wache ich mitten in der Nacht nach einem lebhaften Albtraum auf: Allein, ausgeliefert auf einem Knie-hohen-Fels, nur die Sterne über mir. Erstaunlicherweise schaffe ich es mich schnell zu beruhigen und schlafe wieder ein. 



 

Der einzige unerfreuliche Moment der großen Reise folgt am nächsten Tag. Ich halte den Daumen hoch , draußen in der Wüste und warte gut gelaunt bei ~36° C. Zum Glück habe ich auf die vielen Schilder gehört und Unmengen an Wasser mitgeschleppt, welches man im Park nicht auffüllen kann. Es hält ein Ranger an und warnt mich, dass ich beim nächsten Mal ein Bußgeld fürs Hitchhiken zahlen muss. Ich frage ob er mich die 2 Kilometer in seinem leeren Auto mitnehmen kann. Leider ist dies nicht möglich, wenngleich auch Hitzetode im Park keine Seltenheit sind. Nachdem ich den ganzen Weg wandere komme ich eine Stunde später an. Ironischer Weise weist der Ranger jetzt am Wanderweg Menschen darauf hin, dass sie sich vor der Hitze schützen sollten. Auch meine Camping Lizenz scheint ihm nicht zu gefallen und er erschwert mir das Leben so stark, dass ich wieder nach Moab zurück-hitche. Ich erkenne die Zeichen und beschließe die Wüste ist nichts für mich. 

Mammut-Bäume, ja, diese riesigen alten Wesen, sie sollen mein Ziel sein. 

Nächster Teil: Die Stadt der Verlorenen