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Ich wache auf.

Wind. Möwen. Sand. Ich hebe den Kopf und der Wind bläst durch meine Haare. Ich liege an einem Abgrund. Ich reibe meine krustigen Augen und setze die Brille auf. Rot, riesig, majestätisch, saugen meine Augen die vor mir liegende Golden Gate Bridge auf.

Um Mitternacht komme ich am Vortag in der Stadt der Künstler und Freidenker an. Alle Hostels sind ausgebucht. Bob ist mein erster Kontakt und Busfahrer. Einem naiven bärtigen Deutschen der in San Francisco gestrandet ist gibt er gerne ein paar Gratis-Bus-Tickets – ein Traum! Feiernde College Studenten und die ersten wirklichen Verrückten meines Lebens tummeln sich im Bus. Diese Art von Verrücktheit gibt es in Deutschland nicht. Von dem American Dream ihr ganzes Leben gebeutelte Gestalten, die durch die Zahnräder der Konsum Maschinerie gedreht wurden, steigen ein. Eine Frau mit Leoparden Dress mit viel Pink und zwei großen Tragekoffern behält ihre Flamingo Sonnenbrille auch um 1 Uhr Nachts auf. Als Bob sie sieht dreht er durch: „Oh nein! Du nicht noch mal !“ Er sieht die Polizei vor einem Kino stehen, tritt energisch auf die Bremse und ruft durch die offene Fahrertür die Herren in Blau zu Hilfe. Flamingo Lady gelingt so grade die Flucht mit beiden Koffern. Ein paar Stopps später ist es Ghettoblaster-Man der das Level an Verrücktheit im Bus aufrechterhält. Er stoppt den Bus bei jeder Haltestelle, nur um nach einem kurzen Hin und Her drehen auf dem Gehweg wieder einzusteigen und mit wahnsinnigen Augen zu verkünden „ Das ist nicht meine Station!“

Auf dem Smartphone habe ich gesehen, dass es einen Park in der Stadt gibt. Zwar wird berichtet, dass die Stadtverwaltung immer mehr Gesetze veröffentlicht und Patrouillen einsetzt, um genau die Menschen von der Stadt fernzuhalten, der sie ihren Ruf verdankt. Aber ich bin müde und so lasse ich mich zwischen ein paar Büschen nahe des Rosengartens nieder. Fühlen sich alle Obdachlosen so verletztlich, wenn sie nachts in ihren Schlafsäcken so wie ich im Dunkeln liegen? Ich finde keine Ruhe. „Was wenn mich die Cops erwischen?“.

Ich breche mein Lager wieder ab.

Der nächste Bus fährt zur Endstation. „Golden Gate Bridge – Alle Fahrgäste bitte aussteigen.“ Es ist mitten in der Nacht, aber ich bin voller Energie. Die Eigenverantwortlichkeit, die Risiken die ich eingehe, zwingen mich klug zu sein, alle Entscheidungen zu hinterfragen. Die ganze Gegend um die Brücke ist menschenleer. Hat sie ihren Job als Fotomodell während des Tages erfüllt, so ist es unheimlich ruhig und friedlich Nachts. Etwas abseits vom Weg beginnt der sandige Klippenpfad. Etwas windig, aber wenigstens muss ich mir hier keine Sorgen machen, da bin ich mir sicher.

Ich schlafe ein, die Brücke vor mir, die Sterne über mir, kein Mensch weit und breit. Ich fühle mich sicher.

Noch im Schlafsack begutachte ich die Brücke am Morgen. Um mich herum wandern vereinzelt Fotografen mit ihren Stativen im unwegsamen Gelände umher, um die morgentliche Golden Gate Bridge zu fotografieren. Mit geschultertem Rucksack betrete ich die Brücke der vielen Träume. Viele einheimische Sportler sind unterwegs. Lediglich die eisernen frühaufstehenden Touristen mischen sich hier und da unter. Die Sonne bricht durch die Wolken und leuchtet recht kitschig auf die Gefängnisinsel Alcatraz.

„Hi, would you mind taking my photo?“ fragt mich MadMax und reicht mir sein Iphone. „Sure if I can take one too!“ Ich habe ein gutes Gefühl über die Einheimischen hier.

Der Globetrotter von Welt gönnt sich hier und da eine Kleinigkeit. Deshalb checke ich für eine Nacht ins Adelaide Hostel ein. Ich erfahre von der WildSF Free Walking Tour. Es ist eine riesige Freude: Mit Musik, eigenen Songs und interessanten Fakten über die Stadt bummelt unsere Gruppe, Wes hinterher. Er will das Schöne an San Francisco bewahren: Die Künstler, die Geschichte mit dem Kampf für mehr Offenheit und legale Homosexualität. Aber auch einfache Gelassenheit und Freundlichkeit Fremden gegenüber ist ihm wichtig. Ein Aspekt, der wie ich mitkriege in dieser Stadt zu schwinden droht. Als wir in China Town auf Wes Freund Jun Yu treffen, stimmen alle in ein gemeinsames Lied ein.

Unsere Gruppe versteht sich so gut, dass wir zusammen in China Town essen gehen. Und obwohl die Führung auf Spendenbasis basiert, geben alle dankbar am Ende viele Scheine in Wes Hut. Mit seiner herzenswärme und seinem Charme ist er unser Star geworden und vielen fällt der Abschied von ihm schwer.

Die kurze Zeit in dieser bezaubernd verwirrenden Stadt geht zum Ende zu. Es folgt eine abenteuerreiche Rückreise mit dem Amtrack Zug nach Denver. Der California Zephyr fährt an einem ausgelagerten Bahnhof ab. Auf dem Weg frühmorgens, mit Cappuccino in der Hand, begegne ich Managern, aber auch zwei lustigen Jungs, Ten & Kay, die ihr Studium geschmissen haben, um in einem winzigen Dorf im Norden Clownerie zu erlernen. Ironischer weise gibt es in der Nähe dieses Bahnhofes die Zwillingsschwester der Golden Gate Bridge in silber. Sie ist wohl das schwarze Schaf in der Familie und so sehe ich keine Touristen die Bilder von ihr machen.

Der Zug hat sechs Stunden Verspätung. Ich habe schon um 5 Uhr morgens mein Lager an der Golden Gate Bridge eingepackt, aber Uncle Sam knausert an den Zügen und so sind die Motoren der achtziger Jahre nicht mit ICE und Shinkansen vergleichbar - Ich muss warten. 

An Bord schließlich genieße ich eiskaltes Ginger Ale, während ich im Panorama Abteil mit riesigen Glasscheiben die vorbeiziehende Szenerie betrachte. Die 2200 Km die ich zurückgelegt habe, arbeitet der Zephyr gemütlich und stetig ab. Ich schlafe. 

 

Meine Nachbarn mit amerikanischen Hill Billy Südstatten Look sind gut drauf und eröffnen mir, dass wir für vier Stunden auf einen neuen Motor warten müssen. Irgendwo im Nirgendwo. Ein desolates Haus verkündet ironisch „You are here“

Als es endlich weiter geht unterhält uns der Schaffner mit Witzen und Fakten über die Gegenden die wir durchqueren. Alle sind wieder bester Laune.

Zum Abend führe ich gute Unterhaltungen mit den Passagieren während der Sonnenuntergang die weißen Salzhaufen vor Salt Lake City in warme Farbnuancen abtönt.

 

Mittlerweile ist mein Schlafsessel zu unbequem. Ich liege unter den Sitzen des Panoramaabteils. Es ist hart aber schön flach. Wie viele Menschen auf der Welt schlafen täglich auf hartem Boden? Mein Schlaf ist wie das Meer: Ich erwache auf den Schaumkronen der Welle und falle in die Tiefen dunklen komatösen Täler des unruhigen Schlafs. 

Doch dieses Mal ist das erwachen anders. Das Spüre ich. Ich luke unter einem Stuhl hervor und sehe: Wir haben aufgehört uns zu bewegen. Orientierungslos rufe ich nach hinten „Hey Jungs, wo sind wir?“ „Seit ner viertel Stunde in Denver. Wir fahren aber jeden Moment weiter!“ 

SCHLUCK 

Wie ein Irrer laufe ich zu meinem Platz wo kreuz und quer meine Kleidung liegt, die ich hastig in den Rucksack stopfe. Ich springe vom Zug aufs Gleis, nur um erneut in den Zug hinein zu laufen. Ich schnappe meine Thermounterwäsche die im Gang des Zuges liegt und schaffe es so grade aus dem Zug. Ich atme tief durch als der Zephyr Sekunden später nach Chicago weiterfährt. 

 

 

 

Ein wunderschönes Abenteuer neigt sich dem Ende zu. Ich denke an die 12 Stunden Verspätung und all die verärgerten Deutschen, die jetzt grade irgendwo eine halbe Stunde warten müssen. Ich denke an ihr Arbeitslosengeld, ihre Krankenversicherung, ihre Sicherheit.

Aber ich denke auch an all die Menschen mit Leid die ich getroffen habe. Ich denke an die Frau die vor Viktoria Secret, wo ein BH 100 Dollar kostet, mit mir darüber redet, dass sie sich keine Windeln leisten kann, welche sie aber dringend braucht. Ich denke an die alten Leute die sich tagtäglich für Supermarkt oder Apotheke entscheiden müssen. Ich denke an Jim den Busfahrer, der aus San Francisco im Alter nach Las Vegas ziehen musste, weil die Stadt zu teuer für alte Menschen ist.

Ich sehe die vielen verfaulten Zähne tausender Menschen die an mir vorbeigegangen sind. Ich sehe all die Menschen die so freundlich zu mir waren. Ich sehe die Mammutbäume im Dunst über mir am Morgen. Ich sehe die traurigen Tänzerinnen in Las Vegas. Ich sehe die Sterne.

Ich sehe Schrecken

Ich sehe Schönheit

Ich sehe Warmherzigkeit

Ich fühle Dankbarkeit