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Kilometerstand: 1944

Wo bin ich?

Ich erwache und robbe mich aus dem Zelt. Um mich herum sehe ich karge trockene Landschaft mit den vereinzelt dahingesprenkelten knochigen Büschen. Vor mir zieht sich der Highway, wie eine Schlange, durch die Landschaft, die Sonne scheint. In der Trockenheit der Wüste, voller Staub und Hitze setzt sich meine Reise zu den Größten Lebewesen der Erde fort. Mein innerer Geizkragen - der sich tausend Euro Kameras leisten kann, aber kein Snickers an der Tankstelle - gönnt sich ausnahmsweise ein Ben und Jerry's Eis am Stiel. Meine Stimmung ist super, viel Verkehr und ein riesiger Anhalteplatz machen die Hitchhike Bedingungen perfekt.

Kasha und Dominica sind zwei verfeierte Polinnen die auch aus Las Vegas kommen und mich in ihr Leihauto einladen. Sie lieben Las Vegas - einer der schönsten Orte an dem sie jeh waren! 

Milky Way in Seqouia National ParkHiking up to the Emerald lake in SNPark takes you through forests of giants - half burned, half alive, reaching reaching for the sky. Sleeping under the stars, bathing in the turqouise lake and meeting bears makes this my yet favorite place!

 

Während Dominica unter Protesten kitschige Liebesmusik mitsingt, schwärme ich von den Mammutbäumen, in deren Richtung wir ja grade fahren. Nach genügend positiven Ausschweifungen und Adjektiven ist mein Ziel erreicht: Die beiden wollen nun auch die Mammutbäume sehen. Tiefer wie gedacht fahren wir durch enge trockene kalifornische Täler. Links und Rechts ziehen sich karge Berge gen Himmel. Wo sind die Orangenplantagen mit den saftig grünen Blättern die man immer in der Werbung sieht? Wo ist die reiche Natur Kaliforniens? Sie findet sich in Photoshop und in der Vergangenheit. Als wir den Eingang des Sequioa National Parks erreichen, fällt den beiden plötzlich auf, dass sie ihre Reservierung in L.A. verpassen und mit ein wenig verwirrter Wut, lassen die beiden mich irgendwo im Tal stehen. Weil das einzige Verwaltungs-Gebäude schon zu hat, campe ich illegal im Tal am Fluss. Die Sonne ist fast untergegangen und so nutze ich den Moment um mich - notwendigerweise - in dem eisigen, kristallklaren Gebirgswasser zu waschen. Nackt blicke ich auf die Bergkulisse vor mir und habe auf einmal wieder viel Energie. Ich errichte mein Zelt versteckt hinter einem Hügel und renne im Halbdunkeln noch schnell über riesige Felsen und die Stahlseil-Brücke zum 500 Meter entfernten Bear-locker. Ein Bear-Locker ist eine einbetonierte, unzertsörbare Metallbox, in der man sein Essen, Zahnpasta und alles was irgendwie Geruch hat, lagert. Denn selbst an die Essens-Säcke, die man in 5 Metern Höhe zwischen Bäume hängt, kommen die hyperintelligenten Bären: Sie nehmen ihre Kinder auf den Rücken und stellen sich auf beide Hinterbeine. Auch Kofferräume sind ein Witz für Bären. Mit ihren Krallen schälen sie eine Kofferraumtür, wie wir Bananen.

 

Dementsprechend furchterfüllt stehe ich nachts, fern vom Zelt auf der Stahldraht-Brücke um astronomische Fotos mit der Kamera zu machen. Ist eine Aufnahme durchgeführt, zücke ich schnell die Stirnlampe und gucke ob ich Gesellschaft bekommen habe. Dennoch freue ich mich wie ein kleines Kind die Sterne über mir zu haben und die Ruhe zu genießen, fern von den tristen Konsum-Realitäten der Städte. Mein Wecker klingelt um 5:30 Uhr, damit ich keine horente Strafe zahlen muss, sollte ich beim wildcampen erwischt werden. Es ist wohl selbst für Rentner zu früh, denn ich warte einandhalb Stunden bis das erste Auto die Straße hochfährt. Im Zweiten sitzen Lorrie und Larry. Sie sind ein klassisches Arbeiter Pärchen, dass sich endlich durchgerungen hat, Urlaub zu nehmen. Larry ist Leiter des Schneeräumungskommandos einer Stadt an der Ostküste und wie viele Menschen in seinem Alter hat er nicht viel Gutes über seine Arbeit zu erzählen. Meine Versuche ihre bizzarerweise schlechte Stimmung zu heben, fruchten. Und so erreichen wir eine Stunde später in bester Laune die Riesenmammutbäume. Ich drücke die Stirn ans Fenster, doch die Wipfel bleiben verhüllt. Wir steigen am Sherman Tree Parkplatz aus. Er ist so etwas wie die Englische Königin. Er ist nicht wirklich beeindruckender als die anderen Bäume, aber irgendwer muss im Mittelpunkt stehen. Wir steigen die Betontreppen herab - weit und breit kein Mensch. Ich bin sehr aufgeregt und irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Luft knistert. Vor uns läuft eine Bären Mutter mit ihren drei Kindern vorbei. Alle sind beeindruckt - unsere ersten Bären! 
 Code Warnschilder rufen zu Pausen auf - 200 Höhenmeter Unterschied scheinen für den Durchschnittsami gesundheitsgefährdend zu wirken. 

 

 

Nach vielen eher dünnen Nadelbäumen, öffnet sich eine kleine Lücke im Wald: Meine Augen sind eingefroren, mein Körper kribbelt vor Aufregung. Riesige Stämme in einem edlen Braun Orange ragen in eine schwindelerregende Höhe. Was haben Menschen früher gefühlt, als sie das erste Mal durch diese Wälder schritten? Winzig, ja lächerlich klein, wie Ameisen tummeln sich eine Hand voll Menschen um den Stamm. Es ist vollkommen unbegreiflich wie beeindruckend diese Bäume sind. Meinem inneren Monolog fehlen die Worte. Die Reise geht weiter zum Info-Center welches weiter weg liegt. Dort angekommen plane ich mit einem Ranger zusammen meine nächsten Übernachtungsmöglichkeiten. Mir war nicht aufgefallen, dass die Mammutbäume in der Sierra Nevada, dem großen amerikanischen Bruder der Alpen, liegen. Und so plane ich durch die kleinen Täler der Mammutbäume, hoch Richtung der alpinen Seen, zu wandern. 

 

 

Noch einmal ziehe ich an General Sherman vorbei. Mit viel Zeit, viel Wasser und Proviant für mehrere Tage fern aller Zivilisation, mache ich mich auf den Weg. Wenige Touristen bewegen sich weit vom großen Sherman weg und so bin ich nach zwei Minuten alleine im Wald der Riesen.

 

Die ersten tausend Höhenmeter liegen nun vor mir. Ich ziehe mit Sonnenschein und blauem Himmel durch Baumgruppen wo lediglich nur noch halbe Bäume stehen – alles andere ist verbrannt und schwarz. Ökologen haben herausgefunden, dass das Löschen der Waldbrände, die großen Riesen in Wirklichkeit schwächt. Denn ihre Samen nehmen das Feuer wahr und so „wissen“ sie wann es Platz und Licht für ihr Wachstum gibt. 

 

 

Ich halte an um etwas zu trinken und finde einen Sequioa-Samen. Er ist so groß wie die hälfte meines kleinen Fingernagels und noch dünner. Ich hebe den Kopf um die Größen zu vergleichen und es wird mir klar, dass jegliche Wissenschaft niemals die Magie entschleiern kann, die hinter dem Leben steckt. 

 

 

Der stetige Geruch von Nadeln liegt in der Luft und die Ruhe wird nur gelegentlich von dem ein oder anderen Specht unterbrochen. Der erste große Teil der Strecke für heute ist geschafft und auf dem Bergkamm lichtet sich der Wald. Mehr „Achtung Bergpumas“-Schilder tauchen auf. In den Broschüren steht wie intelligent diese Tiere sind und so bin ich überzeugt, dass sie aus den Bäumen heraus meinen Weg beobachten. 

 

 

Es wird spät und die Sonne geht unter. Um mich zu orientieren habe ich eine genaue geografische Karte der Gegend mit allen Wegen und Höhenmetern gekauft. An jeder Weg-Gabelung überprüfe ich aufs genaueste, wohin ich jetzt gehen muss. Ein Fehler kann mich Stunden kosten. Ich bin dementsprechend erschrocken als ich mich an einer weitentlegenen Kreuzung wiederfinde. Es ist nur eine halbe Stunde, dennoch wird bald kein Licht mehr da sein. Ich renne die Hälfte der tausend Höhenmeter ins Tal und komme wieder an eine Kreuzung. Es ist schon wirklich sehr dunkel. Ich überprüfe drei mal in welche der beiden Richtungen ich gehe und ziehe los. Mit einem leicht panischen und hektischen Gemüt treffe ich auf Cowboy-artige Menschen auf Pferden, die Proviant zu den einzelnen Hütten im Gebirge bringen. Sie sagen kurz woher sie kommen und sie wünschen mir Glück - es sei noch ein ganzes Stück. Nach fünf Minuten bemerke ich, dass mein Unterbewusstsein die Konversation immer und immer wieder wiederholt. Als ich die Karte zücke fällt es mir direkt auf: Ich muss in meiner Panik das richtige gedacht haben, aber trotzdem habe ich die falsche Richtung eingeschlagen. Ich renne zurück. Mit dem letzten blauen Licht und meiner körnigen Nachtsicht erreiche ich den Gebirgsbach, wo ein Bear Locker zur Verfügung steht. 

 

Am nächsten Morgen kletter ich über die groben Felsklippen meines Lagers zum Bach. Der Globetrotter von Welt hat feinsten Jasmin Tee im Gepäck und bei heißem Tee beobachte ich, wie die Sonne Schatten in das Bergpanorama vor mir, schnitzt. Heute liegen 2500 Höhenmeter vor mir. Ich klettere den Berg wieder hinauf und bin beeindruckt von meiner körperlichen leistung. Ich ziehe durch mysteriöse kleine Täler mit kleinen Wiesen, die überraschend auftauchen und ebenso plötzlich wieder verschwinden. Der Weg führt an drei Fuß breiten Gesteinsklippen die Berge hinauf. Die Luft wird deutlich dünner und die Bäume sind nur noch vereinzelt zu sehen. Der Stein ist hell weiß und die Baumrinden sind vom Wind und Wetter orange-golden gebeizt. Ich erreiche schon mittags die drei Alpenseen: Aster, Emerald und Pear Lake. 



 

Nachdem ich mein Zelt am Emerald Lake aufgestellt habe, laufe ich barfuß zum See. Er ist eingekesselt in einer riesigen Bergflanke. Ich springe in den klaren See und schwimme ein paar Züge. Ich trockne in der Nachmittags Sonne, schreibe in meinem Notizbuch und höre Bob Dylan's Like a Rolling Stone.

 

Am See-Ufer finde ich zwar nicht das erhoffte Gold, aber als ich nachts mit der Kamera aus dem Zelt krieche werde ich belohnt! Die Sterne sind klar und alles ist dunkel. Die Milchstraße ist zum Greifen nahe und auf einigen Bildern sieht man selbst ganze Galaxien. 



Milky Way in Seqouia National ParkHiking up to the Emerald lake in SNPark takes you through forests of giants - half burned, half alive, reaching reaching for the sky. Sleeping under the stars, bathing in the turqouise lake and meeting bears makes this my yet favorite place!

 

Am nächsten Morgen höre ich andere Menschen: Ray und Marco, zwei Gefängniswärter haben endlich ihren Ausflugswunsch an den See erfüllt. Marco lädt mich zu Kaffee und Haferbrei ein. Während wir mampfen erzählen die beiden geselligen Burschen von den harten Zeiten und auch von den beeindruckenden Momenten, im Gefängnis. Da gibt es Menschen die aus Aluminium-Folie und Pappe, einen Dreifach-Steckdosen-Adapter bauen. 

 

Wir beschließen zusammen zurück zum Besucher Zentrum zu wandern. Marco filmt auf seinem Handy die Reise und berichtet aus seinen Zeiten als professioneller Radrennsportler. Wir treffen auf Ranger, welche die Fekalien aus dem Plumpsklo, aus dem Ökosystem hoch in den Bergen, hinunter ins Tal bringen. Sie wirken imposant und wie aus einem Western-Streifen. Ein paar Stunden später erreichen wir den alten dunkelroten Ford von Marco's Oma und sind erstaunt wie gemütlich so ein Autositz sein kann. 

 

Ein "echter" Kaffee am Besucherzentrum wird noch getrunken und Marco verabschiedet sich mit den Worten: "Wenn du die Tage in der Gegend bist ruf mich an. Dann hol ich dich ab, nimm mir frei und dann zeige ich dir ein echtes amerikanisches Barbecue!" 



 

Ich mache mir mein Mittagsmenü: Tortillas mit klein geschnittenem Lammfleisch, Frischkäse und Emmentaler. Als Nachtisch Honig im Tortila Wrap. Während ich speiße bieten mir Gordon und Anne etwas Limonade an. Sie sind ehemalige Manager und jetzt im Ruhestand ist endlich Zeit um die ganze Welt zu bereisen. In Deutschland waren sie natürlich schon öfter. Wir haben eine super Zeit und sie nehmen mich glatt mit zurück zum Sherman Tree. Es gilt noch Samen der Großen Riesen zu sammeln und Fotos zu verbessern. Ich bemerke, dass es nicht möglich sein wird, die Atmosphäre und die Größe der Bäume als Foto darzustellen - ich kann aber nicht anders... 

 

 


 

Bevor das letzte Licht verschwindet, steige ich auf die Ladefläche eines Pick-Up-Trucks und reise zurückgelehnt wieder zurück in die kalifornische Ebene. Die Letzten Sequioas ziehen an mir vorbei, getaucht in goldenes Abendlicht: